> > Du irrst dich ganz gewaltig. In Deutschland ist die Verbreitung
> > volksverhetzender Publikationen verboten,
>
> Indem ich es ins Netz stelle fördere ich die Verbeitung also nicht?
Nein. Denn das “ins Netz stellen” bedeutet noch lange nicht, daß du
es verbreitest. Verbreitungsabsicht ist, wenn du es jemand anbietest.
Man mag jetzt noch streiten, inwieweit eine öffentliche Präsentation
ein Angebot darstellt - aber zur Zensur des Angebots gehören zwei
Dinge (nach bisheriger Rechtssprechung): Eine einzelfallbezogene
richterliche Entscheidung und eine verursacherbezogene Durchsetzung.
Ersteres, um demjenigen die Möglichkeit zu geben, einer Sperre
entgegenzuwirken (mit den entsprechenden rechtlichen Mitteln -
Berufung et cetera) oder eine Freigabe zu beantragen, falls die
inkrementierten Inhalte verschwunden sind. Zweiteres, um nich
tbenachbarte Angebote oder Unbeteiligte zu schädigen und der
Informationsfreiheit Genüge zu tun (nämlich das
Gleichberechtigungsprinzip beim informationszugang zu wahren). Wenn
die Inhalte im Ausland präsentiert werden ist es halt Pech für die
deutsche Justiz, daß sie in D nix dagegen tun können - andere Länder,
andere Sitten. Und verbreitet wird nix - wie gesagt, das Internet,
auch das WWW, ist ein pull-Medium, du forderst die Sachen an und
importierst sie als der Besitzer in den Rechtsraum der
Bundesrepublik. Der Besitz ist hier nicht verboten.
> > Hmm, einfache Frage: Wer überwacht den Zensor?
>
> Ich weiß es nicht.
Eben. Zensur hat die unangenehme Eigenschaft, sich selbst zu
schützen. Genau deswegen steht im Grundgesetz “Eine Zensur findet
nicht statt”, genau deswegen wird an einen Eingriff in die
Meinungsfreiheit eine richterliche Entscheidung geknüpft, um diese
Eingriffe transparent zu machen. Und das ist gut so (in Mißbrauch
eines Parteifreundes von Herrn Büssow).
> > oder einen geheimdienstlichen Hacker daran effektiv gehindert, die
> > Website von Al Jazeera in die Blacklists aufzunehmen?
>
> Niemand!
Eben. Findest du das gut?
> Ich will keine Zensur wie es sie im 3. Reich gab. Ich habe keine
> Antwort darauf wer über die Zensur entscheidet und wer ihn überwachen
> soll.
Zensur hat die unangenehme Eigenschaft, sich selbst zu schützen und
nicht überwachbar zu sein. Aber ich wiederhole mich. Ich denke, wir
müssen in Deutschland mit solchen Inhalten aus dem Ausland leben -
das ist der Preis der Informationsfreiheit und, nebenbei gesagt,
einer demokratischen Meinungsbildung. Was nicht heißt, daß der
Jugendschutz darunter leiden muß - meinetwegen können Filterproxys
mit Opt-Out für zertifizierte Erwachsene etabliert werden. Wichtig
ist aber das allgemein verfügbare Opt-Out.
> Und wer ist deiner Meinung nach in der Mehrheit??? Der mündige Bürger
> oder der Konsumtrottel??
Den Konsumtrottel nach Medienvorstellungen gibt es nicht. Auch wenn
wir in der Beziehung einige Schritte “voran” gemacht haben.
Nichtdestotrotz ist das Internet ein Pull-Medium, der Konsumtrottel
hat die angenehme Eigenschaft, davon wenig tangiert zu werden, da er
aktiv auf diese Inhalte zugreifen muß. Mithin ist der nicht
“gefährdet” durch “böse” Seiten. Im Endeffekt sollte es uns
gesellschaftlich ein bedürfnis sein, dei Konsumtrottel so sehr mit
widersprechenden Informationen zu füttern, daß sie irgendwann
selbstständig mit Denken anfangen - da sie merken, daß irgendwas
nicht zusammenpaßt. Und da ist schon viel gewonnen…
> Halte ich auch für sinnvoll. Aber solange es sowas nicht gibt sollte
> man diese Seiten sperren
Warum gibt es das wohl nicht? Vielleicht, weil es auf Seiten der
Medienunternehmen vitale Interessen an einer Sperr-Infrastruktur und
der Rückgewinnung des Meinungsmonopols gibt? Warum wohl ist zum
Beispiel der Bertelsmann-Konzern sehr stark in jugendschutz.net
involviert und unterstützt diverse “proaktive” Internet-Aktivisten?
Nein, Sperrungen sind nicht sinnvoll. Alternativangebote sind
sinnvoll, Kommunikationsfähigkeit fördern ist sinnvoll. Nicht zurück
zum stumpfsinnigen Berieseln durch Websites statt Fernsehprogramme,
sondern im Gegenteil entsprechende fachlich hinterlegte
Gegenangebote.
> Ja! Weil es genug Leute gibt die es als solches benutzen.
Humm? Ich kenn niemand, der sich im Web bildet. Ich kenn nur Leute,
die sich aus dem Net bildungsunterstützende Informationen holen.
> 22. Ich sitze am Firmenrechner.
Hmm. Für eine derartig simplifizierte Weltsicht bist du mit 22
eigentlich zu alt…
> Sollte??? Und wenn nicht? Was wenn genau so einer eine rechte Seite
> findet die ihm erzählt das die Ausländer ihm den Arbeitsplatz
> wegnehmen? Glaubst du er surft sofort zu spiegel.de o.ä. und guckt
> nach ob das alles stimmt? Wer auf rechten Seiten ist sucht
> informationen weil er alles andere nicht glaubt/glauben will.
Hmm, wie kommt er auf die rechte Seite? Warum interessiert er sich
dafür? Was ist der Grund, warum er das mit dem Ausländer glauben
will? Vielleicht, weil er Angst um seinen Job hat? Oder gar keinen
Job erhält? Während auf den Baustellen, an denen er so vorbeikommt
und die mit teuren Fördergeldern bezahlt wird, im besten Fall der
Bauleiter deutsch kann? Könnte es nicht sein, daß dieser Schluß
schnell gefällt ist (wenn er auch nicht stimmt - die Griechen werden
nach Deutschland zum Bauen getrieben, weil sie für griechische
Verhältnisse zu teuer sind - schon pervers die Situation). Warum aber
wird ihm nicht erklärt, warum das ein trugschluß ist? Vielleicht,
weil er dann merken könnte, daß hier politisches und wirtschaftliches
Versagen der Politiker vorliegt, die ihm die ganze Zeit erklären, daß
die Rechten die Bösen sind und er deren Seiten nicht lesen darf? Weil
er dann vielleicht merkt, welche perfide Strategie des “Teile und
Herrsche” hinter der RechtsradikalismusHyserie steht, wie sehr
rechtsradikale Versager als Sündenträger der Nation
instrumentalisiert werden?
Es gibt mit Sicherheit eine sehr intelligente extreme Rechte, auch in
Deutschland. Die verstecken sich aber hinter einem konservativen
Liberalismus, ärgern sich eher über den Wählerverlust an die
Populisten und haben ansonsten auch keine Antworten für die Probleme
derer, die als Verlierer des Strukturwandels und der politischen
Unfähigkeit gelten müssen. Ob diese Verlierer dann eher linksradikal
werden und sich mit Bullen prügeln oder rechtsradikal werden und
Türken klatschen gehen dürfte mehr oder weniger zufallsbedingt und
regionalbestimmt sein und ist bestimmt nicht auf ein paar Hate-Sites
im Netz zurückzuführen.
Zunehmender Rechtsradikalismus ist ein versagen der Demokratie, die
ihre systematische Überlegenheit nicht gegenüber totalitärem Denken
beweisen konnte. Mithin kann man gegen totalitäre Thesen auch nichts
unternehmen - es sei denn, man führt sie in der Realität ad absurdum.
Denn das Wählvieh, die, die du für unfähig hälst, sich eine Meinung
zu bilden, folgt eh dem, der ihnen das meiste und das grünste Futter
bietet. Jedwede pseudointellektuelle These ist da schmückendes
Beiwerk, das eher der eigenen Bestätigung als dem Anhängerfang dient.
CU